Ab jetzt „mit den Großen“

Mit dem Jahreswechsel von 2025 auf 2026 ging eine Regeländerung in der Turnier- und Sportordnung einher und damit unser Aufstieg von der A- in die S-Klasse der Senioren II Standard – ein bisschen unspektakulär, aber mit einer langen Vorgeschichte, die ich hier schnell erzählen möchte.

Die Sterne standen wohl gut an am 25.10.1997. Wie jeden Samstag zu dieser Zeit stand ich ein bisschen verloren im Tanzsaal der Tanzschule Schwehr in Göppingen herum, denn einen festen Tanzpartner hatte ich auch im Gold-Kurs noch nicht. Deshalb war ich darauf angewiesen, dass sich einer der erfahreneren Gastherren in „meinen“ Kurs verirrte. An diesem Abend hatte ich Glück: Einer der begehrten Aushilfsherren – Sebastian – tauchte auf und tanzte die Unterrichtseinheit Quickstep mit mir. Damals wusste ich noch nicht einmal, wie mein Tanzpartner hieß, und doch begann an diesem Tag unsere gemeinsame (Tanz-)Geschichte.

Tanzschule, die Zweite

Eineinhalb Jahrzehnte später – inzwischen hatten Sebastian und ich studiert, in unseren Jobs Fuß gefasst und nach Ende unserer Teenie-Jahre kaum mehr einen Gedanken ans Tanzen verschwendet –, beschlossen wir, uns mal wieder ein gemeinsames Hobby zu suchen. Was lag da näher, als in einer örtlichen Tanzschule vorbeizuschauen? In der Tanzschule Tanzen & Spaß in Reutlingen hatten wir die Möglichkeit, in verschiedene Kurse und Tanzkreise hineinzuschnuppern, und als dort eine Standardformation als Showtruppe für kleinere Veranstaltungen gegründet werden sollte, waren wir sofort mit dabei. Ab diesem Zeitpunkt war Schluss mit dem tanzschultypischen „hygienischen“ Schwofen mit komfortablem Sicherheitsabstand, und zum ersten Mal bekamen wir eine Ahnung davon, wie Tanzen sich anfühlen könnte, wenn man es richtig gelernt hat – wir wollten mehr.

Ab in den Verein!

Eine E-Mail an den Schwarz-Weiß Reutlingen und ein Telefonat mit Gerti Götz im Frühjahr 2016 folgten: Ja, Breitensportgruppen gäbe es, und ja, unter Umständen wäre auch an unserem Wunsch-Wochentag, dem Dienstag, ein Breitensporttraining. Das seien aber schon weit Fortgeschrittene, unterrichtet von dem bekannten und erfolgreichen Turnierpaar Margret und Heinz Cierpka, da müssten wir schauen, ob wir mitkämen. Entsprechend nervös waren wir, als wir im Verein ankamen. Zum Glück jedoch waren alle freundlich und herzlich, und als wir zeigen konnten, dass wir in unserer Tanzschulzeit durchaus ein paar Grundlagen erworben hatten, wurden wir schnell zum festen Bestandteil der Dienstagstruppe. Margret, die immer um einen Aufbau eines Teams für Breitensportwettbewerbe bemüht war, witterte auch sofort eine Gelegenheit, uns als weiteres Tanzpaar zu rekrutieren, doch da winkten wir beide ab: Wettbewerbsstress? Wozu denn, nein danke! Aber Margret kann sehr hartnäckig sein … Sicherheitshalber stiegen wir noch in die vereinseigene Turniervorbereitungsgruppe von Alexander Engel ein, wo wir erstmals die bis dahin üblichen Jeans gegen luftigere Trainingskleidung tauschten und so richtig das Schwitzen lernten.

Turniertanzen? Wir?

Dann ging alles sehr schnell: Nach der erfolgreichen Teilnahme an drei Breitensportwettbewerben starteten Sebastian und ich im Januar 2019 in Sinsheim zum ersten Mal in der D-Klasse der Hauptgruppe II und der Senioren I bei einem Standard-Turnier – und standen sofort ganz oben auf dem Treppchen! Davon motiviert wagten wir ein paar Monate später auch die ersten Starts in der Sektion Latein, ebenfalls mit überraschendem Erfolg. Noch im selben Jahr folgten der erste Landesmeistertitel im Standardtanzen und der Aufstieg (ab jetzt mit Prinzessinnenkleid!), Anfang 2020 der erste Latein-Landesmeistertitel. Und auch trainingstechnisch veränderte sich Einiges: Wir nahmen Abschied von „unserer“ Breitensportgruppe und wechselten ins Turniertraining bei Rolandas Trembo und Sergiu Luca, auch dort jeweils herzlich und motivierend aufgenommen von den jeweiligen „alten Hasen“.

Das ging schnell!

Nach einer längeren Corona-Pause setzten wir unsere tänzerische Reise fort, oft mit Erfolg, aber natürlich auch mit manchem herbem Rückschlag. Durch zusätzliches ergänzendes Training bei Emil Leonte im Zweitverein, dem TuS Stuttgart, konnten wir uns kontinuierlich weiter verbessern und weitere Landesmeistertitel und Aufstiege verzeichnen. Mitte 2023 entschieden wir schließlich, die Latein-Sektion aufzugeben und uns ganz aufs Standardtanzen zu konzentrieren. Mit dem Altersklassenwechsel zu den Senioren II und nach dem Sprung in die A-Klasse stand 2024 ein aufregender Meilenstein für uns „Spätberufene“ an: der erste Start auf internationalem Parkett. Hatten wir 2017 das erste Mal staunend die GOC in Stuttgart als Zuschauer besucht, gingen wir nun plötzlich selbst in der Alten Reithalle auf die Fläche, vor den Augen von elf Wertungsrichtern – wen wundert’s, dass da vor lauter Überwältigung ein bisschen Schminke verlief?

Auch 2025 brachte seine Sternstunden für uns mit: Erfolge bei kleineren und etwas größeren Wettbewerben, die ersten WDSF-Turniere (mit den amtierenden Weltmeistern im selben Heat!), die ersten Starts zusammen „mit den Großen“ aus dem eigenen Verein und sogar die absolut unerwartete, fast surreale Halbfinalteilnahme beim Rising-Star-Turnier im Rahmen der GOC.

Der große Schreckmoment kam dann im Dezember, als uns eine Mittänzerin darauf hinwies, dass für das nächste Jahr die Turnier- und Sportordnung geändert wurde und es neue Regelungen in Bezug auf die für einen Aufstieg erforderlichen Punkte gäbe – und tatsächlich mussten wir feststellen, dass wir mit dem Jahreswechsel hinaufbefördert werden würden in die S-Klasse, da wir alle nötigen Platzierungen und die ab 2026 nötigen Punkte schon zusammenhatten.

Ohne euch geht es nicht!

Und so sind wir jetzt da angekommen, wo zu sein wir uns niemals hätten träumen lassen. Wir, Sebastian und Julia aus der Tanzschule, die Angsthasen, die man zum Jagen tragen muss! Für die Statistik-Liebhaber seien hier ein paar Zahlen genannt: In Latein verzeichnen wir 18 Starts, standen davon 13-mal ganz oben auf dem Treppchen und sind dreimal Landesmeister und einmal Vize-Landesmeister geworden. In der Standard-Sektion sind wir bislang 46-mal gestartet und haben uns 29 erste Plätze, vier Landesmeistertitel und einen Vize-Landesmeister ertanzt.

Das verdanken wir euch allen: euch Vereinsmitgliedern beider Vereine, die ihr uns bei euch aufgenommen habt, und vor allem Margret und Heinz, die ihr nicht lockergelassen habt und ohne die wir niemals eine Startnummer an Sebastians Rücken befestigt hätten. Du, Alex, hast uns beide berührt mit deinen Vorträgen über Verbindung, du hast uns geplagt und gefördert mit deiner Detailversessenheit und zum richtigen Zeitpunkt einen Tritt in den Hintern verpasst – es ist eine Ehre, in Zukunft gelegentlich mit dir und Marina zusammen auf die Fläche zu gehen! Euch Turniertrainern Rolandas, Sergiu und Emil danken wir für all das Wissen, das ihr uns vermittelt (doch, doch, es kommt schon an – manchmal halt erst nach der 150. Erklärung und manchmal auch nur im Kopf und nicht im Körper), für all die geduldigen Korrekturen, für eure Zeit und die Inspiration. Ob man will oder nicht, als Schüler hat man eine besondere Bindung an seine Trainer. Aber der vielleicht größte Dank geht an euch, ihr Mittänzer, ihr Zeugen in freudigen und weniger schönen Momenten, Tröster, ihr Gleichgesinnten. Mit euch zu tanzen, allein der Versuch, mit euch mitzuhalten, selbst wenn wir manches gar nicht mehr erreichen können, macht uns zu besseren Tänzern und Menschen, als wir es ohne euch hätten sein können.

Text: Julia Wilhelm